Was ist bloss mit mir los?

Angefangen hat alles mit einer Abschlussreise meiner ersten Ausbildung nach Elba.
Es war im Sommer 2003, die Hinfahrt war einzigartig, dieses Gefühl die Ausbildung abgeschlossen zu haben, alle Prüfungen geschrieben zu haben einfach kein weiteres Lernen, keine Verpflichtungen, nichts...
Den ersten Tag auf der Insel konnte ich in vollen Zügen geniessen, am Abend erhielten wir einen Anruf von der Schule und erfuhren, ob wir unsere Prüfungen bestanden haben und somit mit dem Feiern beginnen konnten. Ich hatte sämtliche Prüfungen bestanden und war einfach nur glücklich. Nach einem Anfänglichen kleinen Apéro, gingen wir gemeinsam in die Nächstgelegene Stadt um etwas zu essen und gehörig unseren Erfolg zu feiern.

Leider entschied ich mich an diesem Abend für ein Fischgericht, bemerkte aber nicht dass der Fisch nicht gut war, was ich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt auf ziemlich üble art und weise zu spüren begann.
Im Verlauf dieses Abends konsumierte ich eine erhebliche Menge Alkohol und dies in einer nicht vernünftigen Reihenfolge. In den frühen Morgenstunden als noch alle Mitschüler am feiern waren, hätte ich mich ziemlich schnell verabschiedet und ging zu Bett, musste ich am nächsten Tag erfahren. Ich wusste jedoch ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr was an diesem Abend geschah, ich erinnere mich noch wage an bestimmte Ausschnitte aber an mehr auch nicht.
Am nächsten Morgen wachte ich mit einem bis anhin noch nie erlebten Gefühl auf, eine Mischung aus Angst, Panik, Unwohlsein und Verzweiflung. Ich versuchte mir einzureden, dass es nur am vorherigen Abend lag und dass sich dieser Zustand bald legen würde. Doch dies war leider nicht so. Ganz im Gegenteil verschlechterte er sich massiv. Vermehrt verspürte ich heftige Panikattacken ohne bestimmten Grund. Diese wurden immer stärker und dies wiederum verstärkte meine Angst vor diesem Zustand, ein sehr unangenehmer Kreislauf setzte sich in Bewegung. Mit diesen Panikattacken verspürte ich auch Angsttypische Symptome: Herzrasen, Atemnot, Schweissausbrüche, Schwindel, ein Gefühl der lehre und Verzweiflung.
Nach 2 Tagen auf Elba, wo sich mein Zustand zusehend verschlechterte entschied ich mich für eine vorzeitige Rückreise. Es wurde für mich zu einem Unerträglichen Spiesrutenlauf, ich konnte mich nur noch mit einer sehr vertrauten Person unterhalten. In grösseren Menschenmengen fühlte ich mich total unwohl und bekam unzählige Panikattacken, welche ich mir nicht erklären konnte da sie einfach plötzlich begannen, wie ein Programm das einfach so gestartet wird.

Die Heimfahrt wurde noch schlimmer als der Zustand auf der Insel. Ich musste mehrere Stunden in einem total überfüllten Zug stehen, eingepfercht zwischen einer Klotüre und einem Gepäckstaufach. Sekunden kamen mir wie Stunden vor, die Anzahl Panikattacken welche ich verspürte konnte ich gar nicht mehr zählen.
Zuhause angekommen, ging ich sofort zum Arzt, obwohl ich mich in meiner vertrauten Umgebung wieder ein wenig besser fühlte. Der Arzt erklärte mir, dass ich sehr Wahrscheinlich eine Art Lebensmittelvergiftung durch den Fisch kombiniert mit einem sehr hohen Alkoholanteil in meinem Blut hatte und diese Kombination könnte die Ursache meiner Panikattacken sein.
Nach einigen Wochen ging es mir langsam wieder besser.
An einem Tag etwa 2 Monate nach den Vorfällen auf der Abschlussreise, befand ich mich in meinem Auto im Stau. Was Anfangs ganz normal war, wie ich es schon zahlreiche Male erlebte, wurde plötzlich zu einer unüberwindbaren Situation. Bemerkbar machte sich die Angst durch plötzlich auftretendes Herzrasen, Schweissausbrüche und Platzangst.
Das war eine ganz neue Situation für mich, ich verspürte nie zuvor Platzangst. Sicherlich gab es Momente wo ich mich in sehr grossen Menschenmengen nicht ganz wohl fühlte, was aber auch ein Stückweit normal ist.

Doch auf einmal war es für mich unglaublich schwer einen Aufzug zu betreten, ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen, in einem Stau zu stehen bis hin in einem Klassenzimmer zu sitzen. Immer wieder verspürte ich diese Angst, welche sich zuerst durch die immer wieder ähnlichen Symptome bemerkbar machte, gefolgt von der Panik welche sich nicht begründen liess, da ich doch schon so unzählige male solchen Situationen ausgesetzt war, ohne nur im Traum Panik zu bekommen.
Doch jetzt war auf einmal alles anders, ich hatte immer wieder denn drang zu Flüchten, jegliche andere Gedanken schalteten sich automatisch aus, ich sah nur noch die Türe, den Ausgang oder einen anderen Ausweg aus dieser Situation. Zu Beginn nutze ich diese Flucht häufig, und verspürte immer wieder sobald ich diese „Gefahrenzone“ verlies ein Gefühl der Erleichterung, gefolgt vom Abklingen der Angst.
Es machte sich jedoch auch schnell bemerkbar, dass diese Flucht keine gute Lösung war, die Überwindung sich das nächste Mal einer solchen Situation zu stellen wurde immer höher.
Die Angst vor der Angst begann sich in Ihrer ganzen Pracht zu zeigen. Der Kreislauf wurde immer schlimmer.
Ich entschied mich für eine Therapie, um dieses Problem in den Griff zu bekommen.
Dazu bewogen hat mich die massive Verschlechterung meiner Lebensqualität: Ich begann grosse Menschenmengen zu meiden, betrat kein öffentliches Verkehrsmittel mehr und was mich sehr beschäftigte waren die zahlreichen aus Angst gemachten Notlügen. Ich schämte mich unglaublich über meinen Zustand und konnte nur mit einer Handvoll sehr vertrauten Personen über mein Problem sprechen.

Durch die Therapie begann ich zu verstehen, dass ich eine Angststörung habe und begann zu verstehen, dass mir eigentlich nichts passieren kann und das es im Grunde ein ganz normales Gefühl ist. Einzig ist bei mir dieses Gefühl ausgeprägter als bei gewissen anderen Personen.
Was mir ebenfalls mit der Zeit bewusst wurde und was mich auch sehr beruhigte, ist das ich vermehrt bemerkte dass ich nicht der einzige mit diesem Problem bin. Dieser Umstand beruhigte mich und gab mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit.

Nach Zahlreichen Therapien und auch immer wieder kürzeren Rückfällen habe ich mein Problem ganz gut in den Griff bekommen. Sicherlich gibt es Situationen wo ich mich wieder einmal nicht wohl fühle, doch mir ist mittlerweile Bewusst, dass es nichts Schlimmes ist und es wieder abklingt. Ich begann mein Leben darauf einzustellen, mit dem Stress besser umzugehen, und gewisse Situationen wie Prüfungen oder sonstige Stresssituationen gut zu meistern, eigentlich teilweise besser als ich dies vor Beginn der Angst tat.
Wer hätte das gedacht....